Kommunikation ist prinzipiell unwahrscheinlich – sagt Niklas Luhmann - aber wenn man Glück hat!
Man stelle sich die Situation vor. Täglich passiert sie hundertfach in den U-Bahnen dieser Welt.
Morgens halb zehn in Deutschland, in einer vollgepackten Sardinenbüchse namens U-Bahn stehen sitzen oder liegen auch manchmal die Büroameisen und lesen, hören Musik oder glotzen stumpf aus dem Fenster in die Schwärze des Tunnels. In einer Ecke im Wagen drei der U6 nach Alt-Mariendorf, sitzen sich ein Mann und eine Frau gegenüber. Wir wollen sie mal Adam und Eva nennen.
Es ist dieser kleine Moment, wo die Geschichte startet, kurz nach dem halt der U6 am Bahnhof Stadtmitte. Die Bahn hat sich geleert und für einen Augenblick treffen sich die Blicke der beiden Akteure. Adam schaut Eva an und Eva lächelt!
Könnte dies der Beginn einer wunderbaren Kommunikation sein?
Für Adam könnte dies eher der Beginn einer wunderbaren Romanze sein, denn Eva ist genau sein Typ. Und das sie ihn anlächelt, fordert ihn geradezu heraus. Sein männlicher Jagdinstinkt ist geweckt.
Systemtheoretisch gesprochen hat die Umwelt (Eva) des physischen Systems Adam ein Reiz bei Adam ausgelöst. Adam ist „alarmiert“. Das Bewusstsein Adam entschließt sich diesem Reiz zu folgen.
Adam lächelt zurück.
Was der Beginn einer wundervollen Symphonie sein kann, kann hier aber auch veranschaulichen, das Luhmann immer im Hinterkopf führt (mal ganz un-systemtheoretisch gesprochen, denn Luhmanns Bewusstsein ist a) tot und b) natürlich nicht zugänglich – eine Blackbox für seine Umwelt, ebenso wie das Bewusstsein von Eva für Adam und umgekehrt…)
Aber zurück zu unwahrscheinlichen Kommunikation. Was Adam nämlich nicht weiß, ist, dass Eva lächelte, weil sie an ihren Urlaub gedacht hat. Adam hat sie gar nicht wirklich wahrgenommen. Aber das kann Adam nicht wissen. Er hat das lächeln von Eva als Mitteilung wahrgenommen und als Aufforderung zur Interaktion verstanden. Diese Information animiert ihn wiederum dazu, Eva mitzuteilen, das er ihr Angebot annimmt: Er lächelt und möchte ihr damit mitteilen, das er mit ihr in Kontakt treten möchte…
Nochmal, Kommunikation ist unwahrscheinlich, es könnte ja zum Beispiel sein, das Eva das Lächeln zwar wahrnimmt, aber sich denkt, „was will der blöde Kerl von mir?“ Damit würde die notwendige Anschlussfähigkeit sogleich zum erliegen kommen. Eine Kommunikation findet nicht statt.
Gott sei dank ist Adam aber genau Eva´s Typ. Sie freut sich, dass er so nett lächelt und lächelt zurück und… es kommuniziert sich. Information, Mitteilung, und Verstehen wurden jeweils anschlussfähig selektiert.
An der Station Friedrichsstraße steigen sie beide aus- was für ein Glück. “Hallo.” haucht Eva mit belegter Stimme, weil ihr Mund so trocken ist, sie hätte die zweite Zigarette vor der Bahn doch nicht rauchen sollen. Adam könnte jetzt denken, dass Eva eine von den Schüchternen ist, die einen Kloß im Hals hat, weil sie so aufgeregt ist, von so einem tollen Kerl angesprochen zu werden. Er könnte aber auch denken, dass so ein Kücken zu jung für ihn ist, zumal er in seiner letzten Beziehung ganz furchtbar enttäuscht wurde…
Die Kommunikation ist also schon wieder gefährdet und drohnt abzubrechen, obwohl bisher erst ein Wort gesprochen wurde und so geht es weiter.
Man kann also festhalten:
Kommunikation besteht für Luhmann aus der „Dreifaltigkeit“ aus Information, Mitteilung, und Verstehen
- Es wird eine Information gewählt, selektiert, wie Luhmann sagt.
Dieser Prozess findet bei physischen Systemen im Bewusstsein statt und ist von außen – für andere Systeme (z.B. Menschen) nicht zu erkennen. Ein Glück, man stelle sich vor, mein Chef fragt mich, ob ich mal eben in der Buchhaltung anrufen kann, „ja gerne“ sag ich und denke „du Arsch!“.
- Es wird die Mitteilung(-sform) gewählt (selektiert).
Dieser Prozess ist auch für außenstehende beobachtbar. Auch sie können die „Laute“ hören, die sich zu Worten zusammensetzen.
- Ein Gegenüber rezipiert die Mitteilung und nimmt sie wahr. Er verarbeitet sie nach seinem Erfahrungshorizont. Dieser Prozess ist für den anderen Kommunikator oder beliebige Zuschauer (Beobachter 2. Ordnung) nicht zu verfolgen. Aus diesem Verarbeitungsprozess entsteht entweder ein Abbruch der Kommunikation oder deren Fortsetzung. Ego entschließt sich für eine Informationen und wählt die Mitteilung aus.
Von diesen drei Prozessen ist nur ein “Element” von außen nachzuvollziehen und nur dieses Element, die Mitteilung, gibt Indizien über den Informationsgehalt des zu kommunizierenden. Die “wirkliche” Intention von Eva´s Lächeln bleibt für Adam im wahrsten Sinne des Wortes unerreicht. Aber auch die Interpretation (oder das Verstehen) von diesem Lächeln ist wiederum für Eva nicht zu erkennen. Es findet nur in Adams Kopf statt. Er konstruiert seine Welt…
Doch das ist eine andere Geschichte…