ISIS – Eine gedankliche Reise vom Leben, dem Universum und allem

Es ist schon merkwürdig, wie weit weg und weniger emotional ein Ereignis wird, wenn man mal zwei Tage nicht am alltäglichen Medienfeuerwerk zu den ISIS-Paris-Terroranschlägen teilnimmt.

Ich hatte in Hamburg einen Freund besucht und als wir abends irgendwann in eine Sportsbar einkehrten, um zu sehen, wie das Deutschlandspiel ausgegangen ist, standen all die Leute auf dem Spielfeld und ich dachte mir sofort, da ist was passiert. Nach einem Blick auf das Iphone, fassten die Pushnachrichten der üblichen Verdächtigen das Geschehen zusammen: Massive Terroranschläge in Paris, wtf?

Doch das wars, die extrem unfreundliche Bedienung lies uns die Location wechseln und im Hatari gab es kein Fernsehen und mit dem Bier rückten wieder andere Gespräche in den Fokus.

Endlich wieder Medienkonsum

Erst Samstag Nachmittag auf der Rückfahrt habe ich mich auf Twitter und in den Zeitungen über Paris informiert und irgendwie war alles so weit weg.

Es tut gut, nicht an den „sich gegenseitig aufschaukelnden Erregungen“ (Peter Kruse) Teil zu haben und der Berichterstattung mit etwas Distanz gegenüber zu stehen, sich nicht verrückt machen zu lassen, von dem Irritationsporno, den einige Medien beim Kampf um die Quote inszenieren.

Dann denkt man – so tragisch die Attentate in Paris auch sind: „ISIS wird den Kampf verlieren, denn…“

ISIS vs Charlie Hebdo - Paris Attack

Charlie Hebdo – Paris Attack: Sie haben die Waffen? Fuck off, wir haben den Champagner!

ISIS und Europa

Es ist die arrogante und zynische Sichtweise des reichen weißen Mannes, der vor seinem Fernseher hockt, mit einem vollen Kühlschrank, einer X-tausend Euro Heimkinoanlage und einem 3er BMW vor der Tür, gegenüber Menschen, die orientierungs- und perspektivlos einem Glauben ohne Kultur folgen.

Bei allen #PEGIDA und #AFD, Front National und FPÖ-Spacken, „uns“ in Mittel-/Nord-Europa scheint die Sonne aus dem Arsch, verglichen mit den 95% der restlichen Welt. Das macht uns natürlich zu Feindbildern. Viele beschweren sich, das einige islamische Gruppen in Deutschland auf offener Straße missionieren. Wir sind ein aufgeklärter Staat und missionieren tut man bei uns nicht. Wirklich nicht?
Was tut denn Werbung tun?
Die westlichte Welt missioniert nicht mehr zum Christentum, die westliche Welt missioniert zu ihrem Wertekanaon und vor allem zum Kapitalismus. Das schmeckt einigen genausowenig, wie islamische Missionar auf dem Domplatz.

Protest und die Feinde meines Feindes

Die charismatischen Rattenfänger der Extremisten haben es immer verhältnismäßig leicht gehabt Menschen zu fischen, die mit dieser Welt nicht zurecht kommen, sich verloren fühlen oder einfach nur Langeweile haben. Früher sind sie zur RAF, Sektenführern wie Bagwan oder zur Friedensbewegung gegangen, heute gehen sie zu Scientology, #PEGIDA, Occupy, Anonymous und die ganz verlorenen Seelen zu #ISIS.

Wundert es, das nachdem General G.W. Custer Bush am little big Eufrat sämtliche staatlichen Strukturen im Irak aufgelöst hat, das Land im Chaos versinkt und einige Menschen, die nicht Platon, Hobbes und Kant gelesen haben, sich nach einer ordnenden Macht sehnen? Das die US-Strategie, der Feind meines Feindes ist mein Freund, von anderen übernommen wird? Das die Suniten im Irak lieber mit der ISIS paktieren, als mit den verhassten Schiiten? Das die Türkei im Kampf gegen die Kurden mit der ISIS paktiert? Das Prinzip von Ursache und Wirkung wird sich so schnell nicht verflüchtigen.

Wie pervers der Gedanke auch erscheinen mag, es soll junge Menschen geben, denen unsere westliche Beliebigkeit, das extreme Maß an Frieheit, das mit viel Verantwortung einher geht, zu viel ist/wird.
Sie sehnen sich nach einfachen geordneten Verhältnissen. Das 14 jährige Mädchen von einer islamischen Ehe mit Kind und Herd und einem Mann mit Peitsche träumen, soll die neue Protestbewegung der 2010er sein, nachdem Frieden (Hippies), Nihilismus (Punks), Hedosnismus (Techno) als Gegenbewegung ausgedient haben. Strenge Religion ist in einigen Gruppen der neue Hipsterscheiß.

Postdemokratische Politiker

In unsere postdemokratischen Welt stehen wir Politikern gegenüber, die längst mehr PR-Expertin ihrer eigenen Sache, denn einer Vision sind.
Der gerade verstorbene Altkanzler Helmut Schmitt hat einmal gesagt, wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen und hat damit seinem Vorgänger und Parteigenossen Willi Brandt kein gutes Zeugnis ausgestellt.
Helmut Schmitt´s Ruhm beruht zum Teil darauf, das er den Weg geebnet hat, den das Monster aus Oggersheim, Putins Ständige Vertretung in Hannover und Angela Merkel perfektioniert haben: Die Politik des Machbaren. Jetzt und vielleicht noch morgen ist das Kalkühl, der Machterhalt – gemessen an den freitaglichen Umfragen, und, seit kurzem, der darauf folgenden sachlichen Diskussion in der heute show.

Ein verstorbener Freund meiner Familie hat einmal in seinem hohen Alter gesagt, Politiker müssten mehr Soziologen sein, sie müssen an die Probleme von Übermorgen denken. Auch wenn er im Detail einiges durcheinander gebracht hat, so hatte er in der Schache doch nicht unrecht. Welcher Politiker denkt an die gesellschaftlichen Probleme der Industrialisierung 4.0? Immerhin ist der seit 20 Jahren nicht mehr zu leugnende Klimawandel – nach zähmen ringen – inzwischen auf der politischen Agenda geschafft.

Doch Politiker haben einen Graus vor Visionen, weil sie sie zum einen kaum selber umsetzen können und zum anderen die kleine Frau auf der Straße ihnen nicht folgen kann/will – für sie zählt die BILD-Überschrift von heute Morgen. Das heute Machbare ist das Postulart der Stunde – auch wenn Frau Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik hier plötzlich die rühmliche Ausnahme der Regel zu markieren scheint.

Mit Seehofer zur Teaparty

Die CSU geht sogar noch einen Schritt weiter, sie postuliert blanken Populismus, wo das Machbare keine Rolle mehr spielt. Denn eine Begrenzung des Flüchtlingsstroms und Auffanglager an der Grenze lassen sich so schnell, wie die CSU „LÖSUNGEN“ fordert, gar nicht umsetzen. Das weiß niemand besser als Seehofer selbst, denn es geht um die Inszenierung des Problems, nicht um die Lösung.
Die CSU Botschaften sind hohle Phrasen, um sich der tumben Wähler zu versichern, die sonst den rechten Rand bilden würden, den es seit der Strauß-Doktrin neben der CSU in Bayern nicht geben darf.

Vielleicht ist aber gerade das das Problem. Das Problem, warum in Dresden die Autobahnen, in den USA die Teaparty und in Palmyra die Scharia heraufbeschrieen werden. „DIE“ Machthaber üben sich eher in PR-sauberer Kuschelsprache („Wir schaffen das!“) oder instrumentalisieren aufs niederträchtisgste Ereignisse für ihre Zwecke (Erika Steinbach vs Helmut Schmitt, Markus Söder vs Paris Attack).

Die Wählerin ist nicht blöd – jedenfalls nicht so blöd, das sie nicht langsam merkt, wenn sie von Seehofer und Co an der Nase herumgeführt wird. Und die „Ängste“ der „besorgte Bürger“ entstehen, wenn sie bemerkten, dass die Politiker nicht an der Lösung von Problemen interesseirt sind, sondern ihr Ego füttern.

Drei Sekunden Aufmerksamkeit

Besagter Freund aus Hamburg lobte bei unserem feuchtfröhlichen Abend eine Hamburger Politikerin, die sachlich vom Status Quo in den Flüchtlingsheimen berichtete, und natürlich gab es Probleme, und sie hat sie benannt. Offen sachlich Probleme anprechen ist schwierig, denn sie zu schildern dauert etwas. Und unsere Aufmerksamkeitsspanne sinkt fast täglich (wenn man den Manfred Spitzer glauben darf).
Aktuelle Probleme sind leider komplizierter als „Ausländer raus!“ und sie sachlich zu kommunizieren noch schwieriger. Zu beobachten ist der kaum aufzulösende Gegensatz (Komplexität/Aufmerksamkeit) in den wöchentlichen Talkshows, wo Politiker hohle Phrasen dreschen, durch die Moderatoren nur durch das ablesen von neuen Fragen eine Art „Diskussion“ im Gange halten können. Wenn ein Experte mal etwas weiter ausholt, muss ihn die Moderatorin irgendwann ins Wort fallen, weil die Regie Angst hat, die Zuschauer könnte nicht mehr folgen und würden abschalten.

Womit wir beim nächsten Problem wären. (Informierte) Teilhabe an aktuellen Geschehen ist wieder so ein Ding das mit Verantwortung und, was noch viel Schlimmer ist, mit Aufwand verbunden ist. Auch wenn die BILD sich täglich redlich Mühe gibt, den Eindruck zu erwecken, man könnte die Probleme der Welt in einer Schlagzeile zusammenfassen, so sind die Zusammenhänge – wie auch dieser nicht enden wollende Artikel zeigt – nicht in 5 Sätzen zu erklären. Um sie zu begreifen muss man sich mit den Problemem auseinandersetzen, lesen, sich informieren. Doch wo soll man anfangen?

Im Grunde hätten wir hier eine tolle Marktlücke der „Medien“. Wenn sie wieder zu ihrer alten Topfrom zurückkommen und sich wieder mehr dem Einordnen und dem Hintergründe-darlegen widmen würden, als DPA-Meldungen online zu stellen.
Man könnte Politikerinnen auf den Zahl fühlen und ihnen nicht ebenso platt ans Bein pinkeln, wie sie es mit den Wählerinnen tun. Dann klappt es vielleicht auch wieder mit den Verkaufszahlen.

ISIS satirisch

Einfacher haben es da die Satiriker, sie spitzen zu und manchmal schaffen sie es, eine Sache ganz einfach erscheinen zu lassen: Fuck you ISIS, wir haben den Champagner … und wir werden ihn benutzen.

Prost!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.