Nachgedacht – Darfur

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„Teufelskerle, die alle Grenzen überschreiten.“

Der Tagesschau Blog berichtete gestern über das starke mediale Interesse an Afghanistan und das nur selten die Krise in Darfur zu „Wort“ kommt, wie zum Beispiel gestern, da in Afghanistan nicht „Neues“ passierte, mit einem Film von Uwe Schwering über die Region im Sudan.

In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an einen Artikel von Stefan Kröpelin, den ich vor kurzem im Netz erblickt hatte und der die Sache etwas anders darstellte.

Da mir jede Grundlage zur Einschätzung von Schein und Wahrheit zum Thema Darfur fehlt, will ich hier den Aufsatz zusammenfassen. In den nächsten Tagen werden noch ein paar eigene Anmerkungen folgen, doch für heute soll dies reichen.

Inhalt

Sudan - Dafur
Grundlagen

Der Sudan ist mit 2.505.810 km² der größte Staat in Afrika. Die Region Darfur ist mit 509.075 km² knapp 1 1/2 mal so groß wie Deutschland. Zur Kolonialzeit wurde der Sudan teils von Frankreich, teils von britischen Empire beansprucht und zu vorletzten Jahrhundertwende am Reisbrett neu „geordnet“ – wie so häufig in Afrika ohne Rücksicht auf auf Bewohner, Stammesgebiete, Sprachen und landschaftliche Einheiten – und entließen 1956 den Staat in seine Freiheit.

„Der Darfur wurde 1994 in drei administrative Einheiten aufgeteilt. Der subsaharische Teil von Nord-Darfur ist die Heimat kamel- und viehzüchtender Nomaden und Halb-Nomaden, die in ihrer großen Mehrheit den Stämmen der Zaghawa angehören. Der West-Darfur zu beiden Seiten des vulkanischen Djebel Marra wird hauptsächlich von sesshaften Ackerbauern, den Fur, Massalit, Daju und Berti, bewohnt. Der Süd-Darfur ist das Gebiet der Baggara, Vieh und Kamele züchtender Nomaden, die im 18. Jahrhundert eingewandert sind. Insgesamt gibt es über 80 Stämme in Darfur, die ihrerseits in unzählige Clans aufgeteilt sind.“ (Stefan Kröpelin)

Eines der Hauptzentren der Region ist die Stadt Al Fashir (~270.000 Einwohner), die 800 (wikipedia, Luft?) bzw. 1.500 (Stefan Kröpelin, Straße) Kilometer von der sudanesischen Hauptstadt entfernt liegt. Von ihrer ethnischen Abstammung her sind die Fur im nördlichen Teil Darfurs ebenso Schwarzafrikaner, wie die Fulbe und Tukuri im Süden. Stefan Kröpelin erklärt in seinem Artikel:

Alle Bewohner des Darfur sind dunkelhäutig, sunnitische Muslime und sprechen Arabisch. »Sudan« bedeutet nicht ohne Grund »Land der Schwarzen« … Von den Bewohnern Darfurs werden traditionell alle berittenen Viehzüchter als »Araber« bezeichnet. Auch die dämonisierten »Dschandschawid«, deren Name – ursprünglich durchaus in bewunderungsvollem Sinn – etwa als »Teufelskerle, die alle Grenzen überschreiten« zu übersetzen wäre…

Entwicklung des Konflikts

Eyes on Dafur

Kröpelin führt an, das der Konflikt seine Grundlage in dem ewigen Kampf zwischen Nomaden und Sesshaften Stämmen hat. Dieser Konflikt spitzt sich zu, seitdem zum einen die Bevölkerung in Darfur dramatisch wächst. Lebten in den 1950er Jahren noch 1,2 Millionen Menschen in dem Gebiet, sind es heute über 6 Millionen. Zum anderen werden durch die seit den 1980ern anhaltende Dürre die lebensnotwendigen Ressourcen immer knapper.

Traditionell lösten die Stämme ihre Konflikte um Zugangsrechte zu Brunnen und Landbesitz mit Hilfe lokaler Friedensschlichtungen (»mu ‘tamarat as-sulh«) oder zum Beispiel auch durch Heiratsschließungen, wodurch ein relativ friedliches Zusammenleben von Kamelzüchtern, Rinderhirten und Bauern gewährleistet wurde. Diese Konfliktlösungsmechanismen brachen Mitte der 1980er Jahre zusammen, als die (gewählte) zentralistische Numeiri-Regierung die lokalen Sultanatshierarchien zerschlug und der damalige Premierminister Sadiq al-Mahdi beschloss, seine Anhänger unter den Baggara mit Kalaschnikovs zu bewaffnen, um der sudanesischen Armee Hilfstruppen in ihrem Kampf gegen die von John Garang geführte südsudanesische SPLA (Sudan People’s Liberation Army) an die Seite zu stellen. (Kröpelin)

Der Befreiungskampf der SPLA und der Konflikt in Darfur

Die Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) ist eine 1983 in Sudan gegründete Rebellengruppe, die eine Autonomie des animistischen-christlich-schwarzafrikanischen Südsudans fordert. Sie ist der militärische Flügel der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung SPLM und kämpfte gegen die Regierungen Dschafar Muhammad an-Numeiris, Sadiq al-Mahdis sowie Präsident Omar Hassan Ahmad al-Bashir. (wikipedia)

Wie nicht anders zu erwarten wird die SPLA von den USA unterstützt.

2003 weitete sich der Konflikt auch auf die Region Dafur aus. Die Khartoum-Regierung unterstütze die „arabischen Reitermilizen“(wikipedia) in ihren Kampf gegen die von der SPLA nahestehenden Fur. 2005 kam es zu einem Waffenstillstand zwischen der SPLA und der Regierung der neben der Entwaffnung der SPLA auch für 2011 ein Referendum für eine Unabhängigkeit Südsudans vorsieht.

Folgt man Kröpelin, so ist der Konflikt im Süden jedoch keinesfalls beigelegt, denn von Einigkeit kann unter den Rebellen keine Rede mehr sein. Nur Teile der SPLA haben dem Friedensabkommen zugestimmt ebenso wenig die JEM die sich im Juni 2006 mit anderen Rebellengruppen zur „National Redemption Front“ (NRF) verband.

Gefechte zwischen verschiedenen Gruppen der SLA(SPLA) und der JEM sind an der Tagesordnung. Manche Milizen werden zu marodierenden Banditen. (Kröpelin)

Kritik nach Kröpelin

Kröpelin kritisiert nun, das das Anliegen der Staatengemeinschaft weniger ein humanitäres ist, sondern man erneut einer Propaganda-Schlacht des Weißen Haus folgt, in der es erneut um Öl geht – im Süden des Sudan wird auch nach Öl gebohrt.

Dies macht Kröpelin – neben der einseitige oberflächliche Berichterstattung – an zwei weiteren Indizien fest:

1. Die Opferzahlen

2. Rohstoff-Interessen der USA

Crisis in Darfur - GoogleMaps

1. Die Opferzahlen

„Seit 2003 herrscht in der Region der Darfur-Konflikt, der bis zu 400.000 Menschen das Leben gekostet und 2,5 Mio. in die Flucht getrieben hat.“ (Wikipedia)

„Im Zuge des Darfur-Konflikts sind nach internationalen Schätzungen mehr als 200.000 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 2 Millionen Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben, davon etwa 200.000 in das Nachbarland Tschad. “ (Auswärtiges Amt)

„Der ist inzwischen längst geschehen. Zwischen 200.000 und 400.000 Menschen sind getötet worden, zehntausende Frauen vergewaltigt, hunderte Dörfer niedergebrannt. Zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht.“ (Deutsche Welle)

„This scorched earth campaign by the Sudanese government against Darfur’s sedentary farming population has, by direct violence, disease and starvation, already claimed as many as 400,000 lives. It has crossed over into neighboring Chad and the Central African Republic. In all, about 2.3 million Darfuris have fled their homes and communities and now reside in a network of internally displaced persons (IDP) camps in Darfur, with at least 200,000 more living in refugee camps in Chad. (www.savedafur.org)

„einer erheblichen Anzahl von Massakern mit jeweils Hunderten Opfern.“ (UN-Chefankläger Luis Ocampo)

Hierbei geht es Kröpelin nicht darum, die Opferzahlen zu leugnen. Er fragt, warum „so wenig“ unternommen wird, um sich eine genauere Bild der Lage zu machen. Es wird von einem Genozid [Safe Darfur] gesprochen, doch wo sind die Beweise, die Massengräber. Wer sind die Täter? Kröpelin gibt zu bedenken, das es keine Belege dafür gibt, das es nur die „Araber“ sind, die morden.

Ferner fügt er an, dass es heute eine Reihe von modernen Analyseinstrumenten gibt, die die Lage genauer untersuchen könnten – Satellitenserien, fern ab von einmaligen Standbildaufnahmen a la GoogleMaps [Crisis in Darfur]. Die punktuellen Bilder von der USAID (United States Agency forn International Development) hätten sogar belegt, dass in den angeblich schlimmsten betroffenen Gebieten >>keine einzige niedergebrannte Hütte<< zu erkennen sei. Ein belegender UN-Report stünde nach drei Jahren (und soweit ich das googlen konnte auch bis heute noch) aus. Im Juni 2006 sprach der Chefankläger Luis Ocampo (so Kröpelin) „nur“ noch von >>einer erheblichen Anzahl von Massakern mit jeweils Hunderten Opfern<<. Dies würde bedeuten, dass im letzten Jahr in Darfur nicht mehr Unschuldige ums Leben gekommen sind, wie in Palästina, dem Libanon, Nigeria oder Mosambik.

Die Flüchtlingszahlen relativiert er mit dem Hinweis, das eine ärztliche und eine gesicherte Grundversorgung in einer dürre Region wie der Sahara immer Menschen anziehen würde und fährt etwas zynisch fort:

Außerdem ist kein Geheimnis, dass Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen in Zeiten knapper werdender Kassen einem zunehmend heftigen Ringen um Mittel unterliegen, auch um die eigenen kostspieligen Apparate aufrecht erhalten zu können. Je drastischer die humanitäre Situation in den jeweiligen Einsatzgebieten dargestellt und je höher die Opferzahlen beziffert werden, desto mehr staatliche und Spendengelder sind zu erwarten; realistische Verlautbarungen führen oft zu einem schnellen Versiegen der Finanzierung.

2. Die Rohstoff-Interessen der USA

Nicht wirklich neu ist der Hinweis des Kampf um Ressourcen, doch sind es nicht nur die USA, die wirtschaftliche am Sudan haben. doch zuerst die Argumente von Stefan Kröpelin.

Der US-Ölkonzern Chevron hat 1980 nach Testbohrungen die Ölreserven im Sudan als größer eingeschätzt, als die vom Irak und Saufi-Arabien zusammen. Doch die Chinesen und Malayen waren wohl schneller und es gibt laut Kröpelin langfristige Verträge. Die Chinesen haben bereit eine Pipeline von West-Kordofan nach Port-Sudan am roten Meer gebaut, die später ohne weiteres bis in den Süd-Sudan verlängert werden kann.

Das Interesse der USA dürfte jedoch darin liegen, die Konflikte zu schüren – mit der Hoffnung, dass das für 2011 anstehende Referendum zur Unabhängigkeit der Region Südsudan führt und so die Verträge mit China für diese Region hinfällig wären.

Handlungsoptionen und Konfliktpotential

Crisis on Darfur

Doch was resultiert aus diesen Erkenntnissen? Soll man die Finger von Darfur lassen und den Dingen ihren Lauf lassen? Soll man Truppen schicken?

Was passiert mit den 2.000.000 Flüchtlingen? In unmittelbarer Nähe der Stadt Nyala im Tschad befinden sich 8 Flüchtlingslager mit zusammen knapp 400.000 Flüchtlingen, die Stadt Nyala hat 230.00 Einwohner. Für den Taschad bedeutete das Flüchtlingsproblem ein eben solches destabilisierendes Risiko wie eine Rückführung in ihre Heimatgebiete für die Flüchtlinge.

Die UN spielt wieder die Militärische Karte und ruft zur Aufstockung der Friedenstruppen.

Man kann fest davon ausgehen, dass die meisten Sudanesen, nicht nur die Regierung, gegen eine Ausweitung ausländischer Militäreinsätze im Sudan sind, die als neokoloniale Okkupation auf Betreiben der USA und Englands empfunden werden.[7] Eine Entsendung jeglicher Truppen wird die Kriegssituation erheblich verschärfen und ganz Darfur in Aufruhr bringen. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass sich in diesem Fall manche verfeindeten Parteien gegen die westliche Einmischung verbünden werden. (Kröpelin)

Schon die laufenden Kosten der internationalen »Peace-Keeping Mission« im Süd-Sudan (UNMIS) werden mit bis zu 2,5 Milliarden US-Dollar pro Jahr beziffert. Es dürfte keine Frage sein, dass diese Steuergelder wesentlich sinnvoller und nachhaltiger in Projekten der humanitären und infrastrukturellen Entwicklungshilfe eingesetzt wären als für den wenig überzeugenden Einsatz von Militärbeobachtern. (Kröpelin)

Zusammenfassung

Kröpelin beschreibt, das der Konflikt in Darfur keineswegs ein Krieg einer islamistisch-fundamentalistischen Regierung in Khartoum gegen eine christliche Bevölkerung ist. Die als „arabische“ Reitermilizen sind ebenso Sunnitische Schwarzarfrikaner, wie die betroffenen Sesshaften Bauern.

Der Konflikt ist unter anderem ein Nebenschauplatz des schon seit Jahrzehnten anhaltenden Kampf der SPLA um Unabhängigkeit des Südens.

Abgesehen davon, das die Opferzahlen noch lange nicht bestätigt sind, ist für Kröpelin fragwürdig, ob die „arabischen“ Reitermilizen die einzigen „Mörder“ sind, geschweige denn, das man von einem Genozid sprechen kann.

Erneut spielen die amerikanischen Wirtschaftsinteressen eine erhebliche Rolle (ebenso wie die der Chinesen, wenn ich das anmerken darf). Aus diesem Grund unterliegen wir einer politisch induzierten einseitigen Medenberichterstattung und künstlichen Hysterie über einen vermeintlichen Genozid.

Die Hilfe für darf nicht Militärischer Natur sein, sondern muss Humanitär aud die infrastrukturelle Entwicklung und Stabiliserung des Landes hin zielen.

Links

Stefan Kröpelin:

Darfur Konflikt

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