Die Zusammenfassung meiner Diplomarbeit zum Thema “Zum Wandel der Darstellung der Wissenschaft im James Bond-Film” aus dem Forschungsmagazin der Universität Bielefeld (27/2004, PDF). Die Diplomarbeit entstand im Anschluss an das Lehrforschungsprojekt “Die Wahrnehmung der Wissenschaft durch Hollywood” unter der Leitung von Professor Peter Weingart.
Das (neue) Bild der Wissenschaftlerinnen

“Trend zu Frauen in der Forschung ist steigend” schrieb der österreichische Standard. Für James-Bond-Fans ist dies nichts neues, der Bildungsgrad der Bond-Girls steigt seit Ende der 70er Jahre.
Wenn der Name James Bond fällt, denk man zunächst nicht an Wissenschaft, sondern wohl eher an Q und dessen technische Spielereien, Verfolgungsjagden und leicht bekleidete Damen in Bikinis. Das in den James-Bond-Filmen Wissenschaft einen wachsenden Stellenwert hat und immer mehr Wissenschaftler zu finden sind, dürfte nicht jedem Aufgefallen sein. Vor allem der Umstand, dass vermehrt Wissenschaftlerinnen auftreten entspricht nicht ganz den Erwartungen, weder der von Wissenschaftlern noch denen der James-Bond-Fans.
Public Understanding of Science und der Spielfilm
1985 stellte die Royal Society in ihrem Bericht „Public Understanding of Science“ die Problematik des mangelnden Verständnisses der Öffentlichkeit von Wissenschaft fest. Eine Reihe von Aktivitäten waren die Folge, wie auch dieses Heft verdeutlicht.
Die Untersuchungen haben gezeigt, dass ein von den Wissenschaftler oftmals wenig geliebter Bereich der Gesellschaft, nämlich die Medien, ein wichtige Rolle in diesem Verhältnis inne haben. Nur wenige Menschen haben persönlichen Kontakt zu Wissenschaftlern, z.B. in Familie und Beruf. Sie beziehen ihr Bild über Wissenschaftler hauptsächlich aus den Medien. TV-Formate wie Nachrichten oder Wissenschaftsmagazin, sowie die Berichterstattung in den Printmedien wurden auf ihren „Darstellung“ von wissenschaftlichen Themen vielseitig untersucht. Weniger Aufmerksamkeit wurden dagegen bisher dem Spielfilm zugewandt.
Die Dunkelheit des Kinosaal, Wünschträume und eine zweite Realität
Die Besonderheit des Films - im Gegensatz zum Fernsehen und den Printmedien - ist es, dass er den Zuschauer in einer besonderen Form mit in das Geschehen einbindet. Unter anderem unterstütz dies die Dunkelheit im Kinosaal. Das Bewusstsein tritt zurück. Der Zuschauer ist in einem Zustand zwischen Wachsein und Schlafen – der Film wird zu einem Traum. Der Zuschauer nimmt Teil an der Handlung und lebt sie mit.
Der Spielfilm spiegelt, so Krakauer, die Wünsche und Sehnsüchte des Massenpublikums wieder. Produzenten produzieren Filme, von denen sie annehmen, das sie von einer möglichst großen Masse gesehen werden und Profit machen. Sie versuchen die Wünsche des Publikums zu identifizieren, ihren Geschmack zu treffen. So wie die Produzenten versuchen den Massengeschmack zu treffen, so werden aber auch die Wünsche der Massen durch das gesehene wieder beeinflusst. Kommerzielle Interessen der Produzenten und der Wunsch nach Unterhaltung des Publikums bedienen und bedingen sich gegenseitig.
Luhmann stellt fest, das der Spielfilm (wie der gesamte Bereich der Unterhaltung) den Zuschauer mit einer zweiten Realität konfrontiert – der Filmhandlung oder der „Welt“ im Film. Der Zuschauer setzt sich mit der Handlung auseinander und verhält sich zu dem Geschehen auf der Leinwand. Er befürwortet es, geniest es, oder er lehnt es ab. Dieser Beobachtungsvorgang und dessen Reflexion tragen zur Ausbildung der Identität des Zuschauers bei.
Filme sind jedoch kein Spiegel von Gesellschaft. Der Spielfilm entwickelt seine eigene geheimnisvolle Realität mit eigenen Regeln. Handlung, Charaktere und Symbole greifen in einem eigenen Muster ineinander. Dieses Muster wird auf dem Fundament realer gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Ereignisse aufgebaut. Die Realität wird jedoch durch die Einflüsse von Drehbuchschreibern, Regisseuren und Produzenten zur Fiktion – zu den mythischen Geschichten des Kinos. Der „enthüllende Charakter der Kamera“ zeigt Aufnahmen und Aktionen, die in der „Realität“ so nicht zu erleben sind. Der Zuschauer erlebt Super-HeldInnen, Traum-Frauen/Männer und Mega-Bösewichte, traumhafte Kulissen, märchenhaften Reichtum, atemberaubende Verfolgungsjagden, unvorstellbares Grauen und herzzerreißende Liebe. Der „Mythos“ des Films vergisst seine Herkunft. Er wird zur eigenen - zweiten – Realität, zum Traum.
James Bond und die Wissenschaft
Die James-Bond-Filme wurden wohl deshalb zu einem so großen Erfolg, da sie zur passenden Zeit die Möglichkeiten des Mediums Film neu genutzt wurden. Nach den düsteren Agentenfilmen in den 30er und 50er Jahren sowie den Monumentalfilmen wie Quo Vadis (1951), Das Gewand (1953), Die zehn Gebote (1956) Salomon und die Königin von Saba (1959), Spartacus (1960), Ben Hur (1963) oder Kleopatra (1963) wurde dem Publikum ein neuer Typ Film vorgesetzt. 007 – James Bond war bunt und laut, mit einem Protagonisten, der einem Comichelden glich – unbesiegbar, immer wie aus dem Ei gepellt. Schnelle Autos, Spielcasinos und schöne Frauen gehörten ebenso zu ihm, wie die Lizenz zum Töten. Eine aus der Werbung übernommene Schnitttechnik, die grandiosen Filmsets von Ken Adams und rasante Kamerafahrten machten die Filme zu einem Erlebnis. Wissenschaft hatte in diesem Filmen auf den ersten Blick nur eine geringe Bedeutung.
Schaut man sich die Filme aber genauer an, stellt man fest das in 18 von 20 Filmen. Wissenschaft in einer – wenn auch in 3 Filmen sehr geringen – Form vertreten ist. Anders als in Filmen wie Jurassic Park (1995 – 2002) oder Dr. Frankenstein (1933), wo Wissenschaft eine zentrale Rolle spielt, gehört Wissenschaft allerdings nicht zu einer zentralen Zutat der Filme. Wissenschaft ist nicht Teil der so genannten „Bond-Formel“ (die Produzenten sprechen vom „Bondian-Film-Making“) wie zum Beispiel technische Spielereien, Verfolgungsjagden, exotische Orte oder die Bondgirls. Wissenschaft aus der Handlung raus zu nehmen - wie From Russia with Love (1963) oder Octopussy (1983) zeigen - bedeutet nicht, das der Film weniger erfolgreich war.
So wird die Untersuchung von Wissenschaft im James-Bond-Filme so interessant. Während in Filmen wie Jurassic Park (1995 – 2002) oder Indiana Jones (1981 – 1989) Wissenschaft einen bestimmten Platz hat, ist Wissenschaft im James-Bond-Film kein festes Element und Variationen können auf äußere Effekte zurückgeführt werden.
In Bezug auf Luhmann und Krakauer kann man davon ausgehen, das eine eventuelle Variation der Anteile von Wissenschaft eine Reaktion der Produzenten auf sich verändernde gesellschaftliche Wünsche oder Verhältnisse zurückzuführen ist. James-Bond-Filme sind keine Kunst, und die Regisseure haben nur selten einen höheren Anspruch. James-Bond-Filme sollen Geld einbringen,, dazu müssen sie eine möglichst große Masse an Menschen begeistern, was wiederum bedeutet, das die ganze Produktion auf die Erwartungen und die Wünsche der Zuschauer ausgelegt sind, sie zu Unterhalten. Eine Variation der wissenschaftlichen Anteile könnte somit bedeuten, das sie als langweilig weg gelassen wird oder als alltäglicher Moment so natürlich vorkommt, wie die Fahrten mit dem Auto.
‚Mad Scientists’ und ‚emanzipierte’ Bond-Girls
Auch wenn Wissenschaft nicht das zentrale Anliegen der James-Bond-Filme ist, fallen dem geübten Bond-Gucker doch schnell wissenschaftliche Bezüge ein. Auf der einen Seite ist dort Q mit seinen Gadgets zu nennen. Der zerstreute, bierernste und spröde wirkende Kittelträger passt mit seinem grauen Haar gut in das visuelle Klischee medialer Wissenschaftler. Seine technischen Spielereien haben Geheimdienst-Chefs ins schwärmen gebracht und halfen Bond aus zumeist aussichtslosen Situationen. Auf der anderen Seite sind die typischen „Mad Scientist“ a la Dr. Frankenstein oder Dr. Moreau zu nennen. In James-Bond-Filmen heißen sie Dr. No (Joseph Wiseman/ Dr. No 1962), Dr. Carl Mortner ( Willoughby Gray/ A view to a kill 1985) oder Boris Gruchenkow (Alan Cumming/ Goldeneye 1995).
Dabei macht der „Mad Scientist“ im James-Bond-Film eine interessante Entwicklung durch. Handelte es sich bei Dr. No noch um einen klassischen „Mad Scientist“ - als das verkannte Genie, das aus Enttäuschung der Welt zeigen will, zu was er fähig ist (in dem er sie unter seine Herrschaft zwingen will) - wandelt sich das Bild hin zu Werkzeugen und Handlangern des/der Bösen, die in den neueren Filmen eher Experten mit gebrochener krimineller Karriere sind, denn ehemalige honore Mitglieder der „scientific community“. Sie handeln nicht mehr aus gekränkter Eitelkeit, sondern persönlicher Profit-Gier.
Die auffälligste Entwicklung macht allerdings das Bondgirl durch. Die naive gescheiterte Existenz, die durch Bonds Männlichkeit eine starke Schulter zum Anlehnen findet, wandelt sich im Laufe der 70er Jahre zu einer Protagonistin, die sich – wenn auch nicht wirklich emanzipiert – vom Anhängsel zu einer Partnerin entwickelt. Auch wenn immer noch klar ist, „wer die Hosen an hat“, stellen Bennett & Woollacot fest, das die Emanzipationsbewegung nicht ganz spurlos am James-Bond-Film vorbeigegangen ist.
Dieser Wandel wird in der Eröffnungsszene von the Spy who loved me (1977) verdeutlicht. In einem Schlafzimmer liebt sich ein Pärchen. Als das Telefon klingelt stellt sich heraus, das in diesem Fall die russische Agentin Major Amasova ‚Tripple X’ (Barbara Bach) die „Hosen an hat“ und – wie sonst James Bond – aus dem Bett zu einem Einsatz gerufen wird. Als kleinen Zusatz beginnt anschließend der Titelsong mit den Worten „Nobody does it better…“.
Das „Bond-Girl“ und ihre Rolle als Wissenschaftlerin
Deckte James Bond in den vorangegangenen 10 Filmen mit seinem „grandiosen Allgemeinwissen“ alles ab, was an Wissen zu Lösung der Fälle von Nöten war, gerät er im elften James-Bond-Film Moonraker (1979) in Situationen, in denen er zusätzlicher Expertise bedarf. Auch Bonds Welt wird komplexer und er gerät in Situation wo die Grenzen seines Wissens erreicht sind. Hilfe naht - interessanter Weise - von weiblicher Seite. James Bond trifft in den letzten 10 Filmen (1979 – 2002) auf 9 Wissenschaftlerinnen und 2 Wissenschaftlern auf der Seite der ‚Guten’ und auf 7 ‚böse’ Wissenschaftler (im Gegensatz zu insgesamt 10 [‚bösen’] Wissenschaftlern in den 10 Filmen von 1962 – 1977). Dabei ergibt sich die deutlichste Steigerung in den 90er Jahren, in denen 6 Wissenschaftlerinnen und 7 Wissenschaftler in 4 Filmen zu sehen sind.
Warum ausgerechnet das Bond-Girl zu einer Wissenschaftlerin „mutierte“, kann man vielleicht damit erklären, das Bond als Hauptfigur schon eine Reihe von unterstützenden Nebenfiguren beiseite stehen und ein zusätzlicher Charakter die Handlung unübersichtlich gemacht hätte. Dadurch, dass ausgerechnet am Bond-Girl und nicht mit einem neuen CIA-Agenten Felix-Leiter (der fürs Amerikanische Publikum gedacht war, damit diese auch eine nationale Identifikationsfigur haben - die „Deutschen“ habe diese ja im Bösewicht) diesen Wandel vollzogen wurde, lassen sich Rückschlüsse auf den wachsende Stellenwert von Wissenschaft im James-Bond-Film ziehen. Die Stellung des Bond-Girls ist für die Handlung von sehr viel größerer Bedeutung, als der Part von Felix Leiter.
Das Bond-Girl ist neben seiner Funktion als wichtigste Nebenfigur auch „Objekt“ des „The Look“-Effekts. mit dem sich die ‚voyeuristic free male sexuality’ Bonds ausdrückt. Der Zuschauer identifiziert sich mit der Betrachtung der Frau durch den Hauptdarsteller. Er teilt seinen „Look“ auf die Frauen und seine Begierden. Diese spezielle Form der Betrachtung der Frau als „Objekt der Begierde“ durch die Kamera ist in den James-Bond-Filmen besonders ausgeprägt Das Bond-Girl wird so zu einem besonderen Identifikations-Objekt und nimmt neben Bond die zentrale Rolle des Filmes ein. Somit rücken auch ihre wissenschaftlichen Aktivitäten eher in den Blickpunkt, als vergleichbare Handlungen einer weiteren Nebenrolle.
Das Bild der Bondgirls wandelt sich allerdings nicht nur auf der Ebene ihrer wissenschaftlichen Ausbildung. Sie werden zu echten Gehilfinnen Bonds und übernehmen zunehmend Aufgaben, denen Bond nicht gewachsen ist. So steuert Dr. Holly Goodhead (Lois Chiles) in Moonraker (1979) die Raumfähre hinaus zu Drax´ (Micheal Lonsdale) getarnter Raumstation und hilft am Ende die Globen mit den Nervengift zu zerstören. Ohne Stacy Suttons (Tanya Roberts) Expertise den Vorgehensweisen auf der Bohrplattform von Max Zorin (Christopher Walken ) und ihre Geologischen Kenntnisse der Region wäre Bond auch in A view to a kill (1985) sicherlich nicht als Sieger aus dem Wettkampf hervorgegangen.
Was sich allerdings nicht ändert ist das Bild der Bond-Girls. Ob Wissenschaftlerin oder nicht, wichtig ist leichte figurbetonte Bekleidung, die mit der Atomwissenschaftlerin Dr. Christmas Jones (Denise Richards) in The World is not enough (1999) wohl ihren „Höhepunkt“ erreicht. >>> Foto – liefere ich noch in besserer Qualität nach<<<
Wissenschaft im Film und der Informationsbedarf der Öffentlichkeit
Der Spielfilm ist eben kein Spiegel der Realität. Er nimmt reale Ereignisse zum Anlass Geschichten zu erzählen - fiktive Geschichten. Doch die Untersuchung von James-Bond-Filmen hat zwei Dinge gezeigt. Erstens fließen zunehmend Wissenschaftler in die Handlung ein. Zweitens wird wissenschaftliches Wissen für James Bond immer wichtiger, um Probleme zu lösen. Die real-gesellschaftliche „Expansion von Wissenschaftler“ und „Verwissenschaftlichung von Gesellschaft“ (vgl. Weingart 2001) haben auch im James-Bond-Film Spuren hinterlassen. Es sind zwei reale Entwicklungen, die in die Handlung mit einfließen.
Bisher ist der „Programmpunkt“ Wissenschaft im Spielfilm nur sehr rudimentär untersucht worden. Vor dem Hintergrund einer wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung von Wissenschaft, einem gesellschaftlichen Informationsdefizit wissenschaftlicher Arbeit und Indizien für eine zunehmende Verwendung wissenschaftlicher Themen im Spielfilm scheint es notwendig, die zahlreichen Aspekte des „Bildes der Wissenschaft im Spielfilm“ genauer zu erforschen. Das Wissenschaft nicht „wahr“ und immer „richtig“ dargestellt wird, ändert daran wenig. Die ‚Öffentlichkeit’ hat immer noch wenig ‚Kontakt’ zum „Elfenbeinturm“. Ein Medium das ein Bild dieser „fremden Welt“ zeichnet sollte untersucht werden, damit keine Verwunderung darüber besteht, das die öffentlichen Erwartungen an Wissenschaftlern in die Richtung des Nutty Professor (Jerry Lewis) und Dr. Christmas Jones (Denise Richards) gehen. Der Trend zu Frauen in der Forschung ist kein modischer und Wissenschaft besteht nicht darin die Welt in die Luft zu jagen oder sie zu beherrschen – auch wenn einige das immer noch glauben.
erschienen in Forschung Aktuell
27/2004(pdf) der Universität Bielefeld
Pressespiegel zum Thema
Schon interessant, wie die Medien auf eine Thema wie “Bondgirls” reagieren, auch wenn der Erkenntnisgewinn -> eine gewisse Emanzipation der Bondgirls, zunehmende “Verwissenschaftlichung” im Film - recht bescheiden ist:
Neider gab es natürlich auch, halt blöd, wenn man beim konkurrierenden Campusradio (eldoradio) weniger Aufmerksmakeit erhält - weniger Dudelfunk spielen, würd ich empfehlen ;-)
Vor allem ist es interessant, dass der Soziologe Volker Davids immer noch zitiert wird :-)